Es war einmal vor langer, langer Zeit ein kleines, zierliches Mädchen, das drei große Geschwister hatte. Die Geschichte von ihr und ihrem ältesten Bruder wurde schon erzählt und so wird nun die Geschichte von ihr und ihrem anderen Bruder erzählt.
Ihre Kindheit über herrschte immer nur Streit zwischen den beiden Geschwistern. Der Bruder wollte nichts von seiner nur drei Jahre jüngeren Schwester wissen; sie war ihm regelrecht peinlich. Und so wurden Grenzen gesetzt. Der Schulhof in der Grundschulzeit wurde geteilt, so dass man den anderen nicht zu Gesicht bekam und wo er war, durfte sie nicht sein.
Doch als die Beiden älter wurden, näherten sie sich langsam an, denn sie hatten eine gemeinsame Leidenschaft in sich entdeckt: Die Musik.
Im Laufe der Jahre wurde es zur Normalität zusammen Musik zu machen, zu singen, Lieder zu schreiben und einfach zu genießen. Außerdem hatten beide ihre Eigenarten und so war es nicht verwunderlich, dass sie immer wieder verrückte Sachen machten. Schon am Morgen, bevor sie in die Schule gingen gab es Waschmittel- oder Deoschlachten. Es wurde normal für sie, sich mit Essen zu beschmeisen, so viele Smarties wie möglich zu essen, Toastbrot mit Marmelade, Pfeffer, Käse und Kaufbonbons runterzuwürgen, Colafontainen zu machen, Weingläser zu zersingen, verrückte Fotos und Videos zu machen und überhaupt einfach zusammen zu lachen.
Aber weder Bruder noch Schwester waren wirklich zufrieden mit ihrem Leben. Sie fühlten sich nicht wohl, nicht richtig. Ihre Familie war keine Familie und ihre Freunde wohnten für ihre Verhältnisse am anderen Ende der Welt. Anspannung und Streit herrschten in ihrem zu Hause, das eigentlich nur als Wohngemeinschaft diente. Niemand hatte eine wirkliche Beziehung zu dem anderen, niemand wusste wirklich etwas über den anderen.
Als sie bemerkten, dass es ihnen beiden so geht, verbündeten sie sich. Sie wollten etwas verändern, denn es machte sie beide kaputt und unzufrieden. Und so kümmerten sie sich umeinander. Der große Bruder nahm die kleine Schwester abends mal mit und unternahm etwas mit ihr, damit sie auch von zu Hause raus kam und die kleine Schwester hielt dem großen Bruder den Rücken frei, beruhigte ihn und zeigte ihm, wie er sein Leben ein bisschen besser gestalten könnte.
Doch sie lebte in ständiger Angst um ihn und als er völlig unerwartet im Krankenhaus landete, wusste sie, dass wenn er sterben würde, auch sie sterben würde. Niemand wusste genau, was mit ihm los war und ob es lebensgefährlich war oder nicht, doch es musste davon ausgegangen werden. Und so kam es, dass sie völlig überfordert mit dieser Situation war, da ihr Bruder ihr einziger Halt war.
Als er dann aber wieder aus dem Krankenhaus raus durfte, fing das ganze Chaos und der Schmerz erst recht an. Ein klärendes Gespräch mit ihren Eltern war an der Reihe, denn für die Geschwister wurde es höchste Zeit endlich damit rauszukommen, wie sie sich fühlten. Der Bruder, der immer noch völlig verstört und am Ende seiner Kräfte war, beschloss für einige Wochen zu Freunden zu ziehen und so blieb die kleine, verzweifelte Schwester mit ihren Eltern, ihrer Angst und ihrem Schmerz alleine zurück.
Diese Zeit war eine der schwersten, die das kleine Mädchen jemals ertragen musste. Sie war zwar schon fünfzehn und hatte in der Zwischenzeit einiges an schlechtem erlebt, trotzdem war sie vollkommen überfordert. Sie war aufgewühlt von dem Gespräch mit ihren Eltern und wusste nicht, ob sie überhaupt in der Lage war, ihnen jemals wieder zu vertrauen. Ihr einziger Halt, den sie zu Hause hatte war auf einmal weg. Und so blieb sie alleine mit ihren ganzen, unerträglich schmerzenden Gefühlen.
Niemand fragte sie, wie es ihr ging, stattdessen war sie diejenige, die ihren Eltern erklären musste, wie sie mit ihrem Bruder umgehen müssen. Das, was sie damals an Verantwortung übernahm, war viel zu viel für so ein kleines, zerbrochenes Mädchen und so war es kein Wunder, dass sie immer mehr kaputt ging und immer mehr verzweifelte.
Doch als ob das nicht schon schlimm genug wäre, kamen die ganzen Gefühle gegenüber ihrem Bruder hoch, denn niemals hatte er ihr gesagt, dass er sie lieb hat. Er hat ihr nie ein nettes Kompliment gemacht. Das einzige, was die Beiden miteinander ausgetauscht hatten, waren Beleidigungen. Nichts davon war ernst gemeint und trotzdem hinterließ es Spuren in ihr. Außerdem wurde sie das Gefühl nicht los, nur als Ersatz zu dienen. Sie war gut genug, um ihm zu helfen, wenn gerade niemand anderes da war. Immer, wenn er etwas wollte, sollte sie springen. Aber er hatte nie Zeit, um ihre einen Gefallen zu tun. Alles, was er ihr versprach, hielt er nicht ein. Und so war es nicht ungewöhnlich, dass sich in diesem Mädchen Gefühlte der Enttäuschung und der Verletztheit verbreiteten. Ihr Bruder war schließlich nicht der erste, der sie so tief verletzt hat, dass sie sich kaum mehr zu öffnen wagt.
Sie weiß zwar, dass sein Leben nicht einfach ist und trotzdem wünscht sie sich nichts mehr, als dass er sie wahrnimmt, auch mal an sie denkt und sieht, wie es ihr geht. Was würde sie darum geben, ein Kompliment von ihm zu hören, ein "Dankeschön" oder ein "Tut mir Leid". Sie würde vieles dafür geben, denn trotz dieser Enttäuschung, die sie erlebte, verspürt sie eine Liebe gegenüber ihm, die nur darauf wartet, dass sie endlich erwidert wird.
Dienstag, 23. August 2011
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