Montag, 22. August 2011

Warten auf das Happy End...

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein kleines, zierliches Mädchen, das drei große Geschwister hatte. Doch keins ihrer Geschwister war ihr so lieb, wie ihr größter Bruder. Schon in der ersten Sekunde, in der er sie sah, schloss er sie in sein Herz und schwor sich, dass er immer auf dieses liebliche, kleine Geschöpf aufpassen würde.

Als sie älter wurde bemerkte sie das und so schloss auch sie ihn in ihr noch unsicheres Herzchen. Ihr großer Bruder wurde ihr Held und ihr Beschützer. Sie bewunderte ihn wie keinen anderen Menschen auf dieser Welt. Sie liebte ihn von ganzem Herzen und in seiner Gegenwart fühlte sie sich immer sicher und geborgen.

Doch schon mit sechs oder sieben Jahren hatte sie große Sorge um ihren Bruder, denn niemand war ihr so wichtig wie er. Und sie hatte allen Grund, sich Sorgen zu machen, denn er begann abzurutschen. Er fing an zu rauchen, Drogen zu nehmen und auch sein Glaube an Gott verlor er mit der Zeit. Dem kleinen Mädchen brach das fast das Herz und so war es keine Seltenheit, dass sie sich nachts in den Schlaf weinte.

Immer wieder sagte sie ihrem Bruder, wie sehr sie sich wünschte, dass er damit endlich aufhörte, aber auch das brachte nichts. In ihrer Verzweilfung bat sie Gott immer und immer wieder, dass er ihn retten möge. Dafür wäre sie auch bereit gewesen zu sterben. Sie hatte zwar riesige Angst vor dem Tod, doch noch mehr Angst hatte sie, dass sie die Ewigkeit nicht mit ihrem Bruder verbringen könnte.

Mit der Zeit gab sie die Hoffnung jedoch auf und akzeptierte es so, wie es war. Das allerdings änderte nichts an der Liebe gegenüber ihrem Bruder.

Doch dann, als sie um die vierzehn Jahre und damit mitten in der schwierigen Phase ihres Lebens war, begannen all diese Gefühle für ihren Bruder sich zu verwandeln. Er verletzte sie sehr, Tag für Tag, Stunde für Stunde, ohne, dass er es wirklich bemerkte. Während sie innerlich kaputt ging und immer mehr der völligen Verzweiflung näher kam, begann sein Leben sich zum Guten zu wenden. Aber sie konnte sich nicht mehr darüber freuen, denn aus Liebe wurde Hass und Bitterkeit, aus Bewunderung Verachtung und aus Sicherheit große Angst.

Was er ihr angetan hat, kann niemand mehr jemals rückgängig machen und es wird immer ein Teil von ihr sein, denn mit ihren in der Zwischenzeit sechzehn Jahren ist diese Verletzung größer als je zuvor. Schon vor über einem halben Jahr ist er ausgezogen und steht auf eigenen Beinen und so hat auch die Angst und die Unsicherheit, die sie zu Hause verspürte, aufgehört. Und trotzdem bemerkte sie erst jetzt, was diese Zeit wirklich mit ihr und ihrem Herzen angerichtet hat.

Ihr Bruder hat schon länger keine andere Wahl mehr, als dieser Wahrheit, dass er sie unendlich verletzt hat, ins Auge zu sehen. Und dennoch verdrängt er sie. Ob es Stolz ist, weiß man nicht, denn es könnte auch die eigene Verletztheit sein, die ihm sagt, dass er als Beschützer versagt hat. Sicher ist jedoch eines: Seine kleine Schwester bräuchte ihn jetzt mehr als je zuvor, denn so sehr sie ihn auch hasst, so sehr sie auch verbittert ist, so sehr wünscht sie sich nichts sehnlicher als ein "Es tut mir Leid" von ihrem großen, starken Bruder zu hören, der sie einfach nur fest in den Arm nimmt und ihr sagt, dass alles wieder gut wird.

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